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Die Sache mit dem Hut: „Nicht in unserer Stärke, sondern in der Schwäche begegnen wir Gott“
Foto: KK-OHL / Stefan Determann

Die Sache mit dem Hut: „Nicht in unserer Stärke, sondern in der Schwäche begegnen wir Gott“

28.08.2022 | Andacht zu Lukas 18, 9-14 von Dirk Bock, Gemeindepädagoge in Lindow zum Fahrradgottesdienst in der Vielitzer Kirche

Als Jugendlicher habe ich sehr gerne alte Westernfilme in schwarz-weiß und mit schlechtem Ton geschaut.Die Handlung war absolut überschaubar: Gut gegen Böse. Und immer konnte ich mir sicher sein: Der Gute wird gewinnen, auch wenn seine Situation noch so hoffnungslos aussah. Am Ende ritt er immer in den Sonnenuntergang aus Grautönen und alle waren glücklich - besonders ich.

Was mir an diesen Filmen besonders viel Sicherheit gab war, dass ich von Anfang an wusste, wer der Gute und wer der Böse war. Denn: Der Gute trug in der Regel immer einen weißen Hut und der Böse einen schwarzen. Das war immer so.

Wenn der Sheriff, einen schwarzen Hut trug, dann entputte der sich mit Sicherheit als Halunke. Auch dann, wenn man im ersten Moment gar nicht damit rechnete. Wenn eine Gestalt noch so komisch aussah, aber einen weißen Hut trug, war alles in Ordnung. Dem konnte man sämtliche schutzlosen Frauen und Kinder anvertrauen.
Die Rollenverteilung war sonnenklar und übersichtlich. Das waren noch Filme. Da gab es noch Helden mit weißen Hüten.

In der Bibel finden wir ein Gleichnis, das Jesus einmal erzählte. Und im ersten Moment scheint es auch hier klar zu sein, wer den schwarzen und wer den weißen Hut trägt.
„Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“
(Lukas, Kap 18, Verse 9-14)

Die Situation scheint klar zu sein. Die Hüte sind schnell verteilt. Der Pharisäer kriegt den schwarzen. Wer sich so verhält, der hat ihn sich selbst aufgesetzt. Sein Gebet ist nichts anderes als dargestellter Hochmut und Stolz. Wer so selbstsicher betet, ist überheblich. Außerdem ist es eine Schande, wie er über andere denkt.
Der Zöllner ist da ja ganz anders. Der macht sich und uns nichts vor. Er ist wenigstens ehrlich. Wer so redet ist ein frommer Mensch. Deswegen kriegt der den weißen Hut. Der Kommentar von Jesus bestätigt uns das noch einmal:

„Ihr könnt sicher sein, dieser Mann (also der Zöllner) ging von seiner Schuld befreit nach Hause, nicht aber der Pharisäer.“ Wir liegen also richtig. Die Rollen sind verteilt.
Jeder trägt den Hut, den er verdient.

Aber: Stellt euch vor, heute morgen würde hier jemand aus der Zeit Jesu sitzen. Der wäre nicht nur sehr alt, vor allem würde er an dieser Stelle vermutlich aufschreien.
Vielleicht wären das seine Worte: „Sagt mal, was macht ihr hier eigentlich? Ihr setzt dem Pharisäer den schwarzen Hut auf und stempelt ihn einfach so ab, habt ihr überhaupt eine Ahnung, was Pharisäer zu meiner Zeit waren?

Das waren nicht irgendwelche Dahergelaufen. Das war unsere geistliche Elite. Das waren die, zu denen wir hochachtungsvoll aufschauten. Wer ihr Leben ansah, war beeindruckt. Die gaben sich wenigstens Mühe, alles richtig zu machen. Nicht, wie so viele andere, denen es völlig egal war, wie Gott über sie dachte. Und schaut einmal genau hin. Der Pharisäer in der Geschichte geht sogar noch einen gewaltigen Schritt weiter. Nach dem Gesetz sollte ein Jude einmal im Jahr fasten. Und was machte er? Er fastete zweimal die Woche!

Und wie er dann mit seinem Zehnten umging: Vorbildlich. Nach dem Gesetz hätte er nur 10% von dem abgeben müssen, was er selber produziert oder verdient hatte. Aber er gab sehr viel mehr, als er hätte geben müssen.

Übertragt das einmal in euere Welt! Ein Christ, der wirklich vorbildlich lebt. Verbindlichkeit ist für ihn keine Floskel, sondern er lebt sie. Er setzt sich ein, arbeitet in der Gemeinde aufopfernd mit. Engagiert sich, leitet Kreises, geht neue Projekte an. Von seinem Geld gibt er ganz viel in die Gemeindekasse. Er unterstützt andere Werke und gibt weit mehr als seinen Zehnten. Was ist daran schlecht?

Außerdem: Was ist daran so schlimm, wenn er Gott dafür dankt, dass er weder ein Räuber, noch ein Gottloser, noch ein betrügerischer Zöllner ist? Was ist so schlecht daran, wenn jemand sich bei Gott dafür bedankt, dass er im Leben immer auf dem richtigen Weg geblieben ist? Immer das Geld ausgab, dass er selber verdient hatte, Gottes Willen respektierte, weder korrupt wurde, noch seine Frau betrügt hat oder in der Gosse landete?

„Danke Herr, dass du mich hast. Ich bin ja so ein toller Mensch. Ich habe so viel erreicht.“ Würde er so reden, dann wäre die Kritik an der richtige Stelle. Dann wäre er nichts anderes als aufgeblasen und hochmütig. Aber ist das der Pharisäer?

Er lobt doch nicht sich selbst, sondern Gott. Er sagt doch: „Herr, ich danke dir - dass ich so bin, wie ich bin. „Was ist daran so verkehrt?
Und ihr setzt ihm einfach den schwarzen Hut auf! So einen Mann sollte man nicht einfach verurteilen. Wer so lebt ist ein Vorbild für andere - oder?

Der Zöllner war da ganz anders. Das war ein korrupter Hund, wie es im Buche steht. Der finanzierte seinen ganzen Reichtum durch Betrug. Die Höhe der Zölle legte er selber fest. Einen Teil bekam Rom, den größten Teil sein Sparschwein. Der ließ andere für sich finanziell bluten.

In der Höhe der Zölle orientierte der sich höchsten nach der Tagestemperatur. Wenn es warm war, wurde es teurer. Wenn ihm deine Nase nicht passte, musstest du halt ordentlich zahlen. So einen bezeichnet ihr als gut und nehmt das einfach so hin, wenn Jesus den Bösen gerecht nennt, und den Guten als schlecht bezeichnet.“
Wir merken: Irgendwie wird klar, dass so eine Kritik an unserer Haltung angebracht wäre. Wir können die Rollen nicht so einfach vergeben. Wir müssen den beiden die Hüte noch einmal abnehmen und nachdenken. Warum kritisiert Jesus den frommen Pharisäer und warum lobt er den korrupten Zöllner?
Als erstes fällt auf, dass es weder den Pharisäer, noch den Zöllner wirklich gegeben hat. Jesus erzählt ein Gleichnis. Eine frei erfundene Geschichte, mit der er seinen Zuhörern etwas deutlich machen will.

Er malt uns hier zwei Typen von Menschen auf, die auf ganz unterschiedliche Weise ihre Beziehung zu Gott leben. Wie ist es denn heute bei uns? Gerne nutzen wir die Chance des Vergleichens. Natürlich nach unten. Irgendwo wird es doch bestimmt einen geben, der ist noch viel schlechter als ich. Irgendwo steht mit Sicherheit ein geistlicher Zöllner herum. So richtig schlecht bin ich auch nicht. Es gibt noch viel schlechtere Menschen als mich. Ich kann doch meine Schwächen nicht zugeben und dazu stehen. Was denkt Gott dann von mir? Was denken dann die anderen von mir? Was denke ich dann?
Jede Schwäche ist doch ein Rückschritt oder? Je mehr wir uns zurücknehmen, je ehrlicher wir vor Gott und Menschen werden, um so größer wird Gott in unserem Leben sichtbar und erfahrbar sein.

Das ist der Unterschied zwischen Pharisäer und Zöllner. Wir sollten uns davor hüten zu beurteilen, ob jemand eher der Typ Pharisäer oder der Typ Zöllner ist. Niemand hat das Recht darüber zu urteilen, zu welchem Typ du gehörst. Weil kein Mensch dir ins Herz schauen kann. Das ist eine ganz persönliche Sache zwischen dir und Gott.

Nicht in unserer Stärke, sondern in der Schwäche begegnen wir Gott. Amen

Nehmen Sie sich etwas Zeit und lesen Sie die Andacht von Dirk Bock in Ruhe hier:
erstellt von Stefan Determann am 01.09.2022, zuletzt bearbeitet am 01.11.2022
veröffentlicht unter: Andachten zum Lesen

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