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Pfarrer Andreas Domke aus Zehdenick

Mutig zieht die junge Frau den Handwagen hinter sich her ...

14.08.2022 | 9. Sonntag nach Trinitatis | Gedanken zum Wochenende von Pfarrer Andreas Domke aus Zehdenick

... hinein in das Mecklenburger Niemandsland, das dort im Frühjahr 1945 zwischen den deutschen und den kanadischen Linien liegt. An einem Haselstecken hat sie ein weißes Tuch angeknüpft. Ihre Tochter, die im Handwagen sitzt, soll den Stock aufrecht halten.

Die weiße Fahne weht. Kein Krieg für einen Moment. Unter dem blanken Wimpel ist Raum für zwei Leben: Eine junge Frau und ihr Kind. Wo sie entlang gehen, ist nicht Freund nicht Feind, ist kein Gewinner, ist keine Verliererin. Da ist alles Krieg-Denken am Ende. Eine Mutter auf dem Weg durch die Linien. Und sie kommt an.

Wo die weiße Fahne weht, da weiß ich nicht schon, wie Du bist oder was Du willst. Unter der weißen Fahne bin ich fragend suchend, bereit zur Begegnung. Weiße Fahne ist Risiko. Neugierig. Naiv. So wie das Leben.

„Keine Angst!“, ruft die weiße Fahne querfeldein über die feindsinnigen Blicke hin. Sie ruft es gleichzeitig mir selbst ins Herz: „Keine Angst!“. Die weiße Fahne weht und ist meine Chance, nicht zum Feind zu werden. Als Feinde können wir ja nicht miteinander leben!

Ich stecke meine Fahne auf die Gerte. So wie meine Großmutter. Ich wage mich hinaus aus dem Irr-Sinn, dass Vorbehalte und Gewalt Zukunft sichern können. Ich suche das Leben zwischen den Linien. Und so bitte ich für uns um den Mut zum Vertrauen in die Macht der weißen Fahne. Voll der Hoffnung, dass da Leben wartet.
erstellt von Stefan Determann am 12.08.2022, zuletzt bearbeitet am 14.01.2023
veröffentlicht unter: Andachten 2022

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